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Morgengedanken März 2015 - Bischöfliches Seminar der Diözese Graz-Seckau

Morgengedanken

Vom 15. - 21. März 2015 sprach Regens Wilhelm Krautwaschl Morgengedanken auf Ö2

Sonntag, 15. März 2015
Die Spannung steigt. Heute um 10:00 Uhr wird der katholische Radiogottesdienst aus dem Augustinum in Graz übertragen. Das ist schon was Aufregendes für die Schülerinnen und Schüler des Bischöflichen Gymnasiums, die mit ihren Lehrern und den Priestern im Haus diese Feier vorbereitet haben.
Kirche wird ja hauptsächlich mit Gottesdiensten und religiösen Festen verbunden. Das gibt es bei uns im Bischöflichen Zentrum für Bildung und Berufung in Graz nur ganz selten. Kein Wunder: unser Schulhaus ist am Sonntag üblicherweise leer. – Aber Kirche ist schließlich weit mehr. Kirche ist dort, wo wir einander so annehmen, wie dieser Jesus aus Nazareth die Menschen angenommen hat. Kirche ist dort, wo "2 oder 3" sich in der Art und Weise begegnen, wie Jesus gelebt hat und den Menschen begegnet ist.
So Kirche zu verstehen ist etwas Lebendiges. Es ist mehr, als eine Stunde beim Sonntagsgottesdienst zu sein. So Kirche zu leben ist anziehend, attraktiv. Ganz einfach deswegen, weil Menschen sich auch heute nach dem Angenommen-Werden sehnen. Gott nimmt jeden von uns so an wie er ist und lädt uns ein, es ihm gleich zu tun. Nicht einfach. Aber vielleicht tut sich Gott ja auch mit uns nicht immer so leicht.

Montag, 16. März 2015
Jesus lässt mich nicht locker. Er muss eine fesselnde Person gewesen sein, denke ich mir oft, wenn ich von ihm in der Bibel lese. Und das packt mich. Immer wieder. Trotzdem kann und darf es nicht beim "Lesen" von Wundergeschichten stehen bleiben. Nur darüber nachzudenken und zu stauen, was Jesus alles an Wunderbarem getan hat, ist für mich auch zu wenig. Denn: Jesus lebt! Das ist die Botschaft der Christen.
Und daher gilt: Sein Wort kommt erst dort wirklich an, wo es Teil unseres Lebens wird. - Die Worte des Evangeliums sind nicht nur Literatur, schöne Sätze, damals von Jesus hinein gesprochen in eine ganz und gar andere Situation. Sie sind "Worte des Lebens". Also etwas, was tagaus, tagein in den persönlichen Alltag übersetzt werden kann. – Wie z.B., dass er "alle geliebt" hat - die Bibel gibt Zeugnis davon. Eine echte Herausforderung für all jene, die Jesus nachfolgen wollen - alle zu lieben. Machen Sie doch den Versuch. Heute. Ich wünsche Ihnen dabei tolle Erfahrungen.

Dienstag, 17. März 2015
Heute lade ich Sie ein, 3 Übungen mit mir zu machen: Die "Betrachtung des Spiegels", die "Betrachtung des Kalenders", die "Betrachtung der Zeitung". Der vor 20 Jahren verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, nannte sie sein "persönliches Morgengebet". Einfach und dennoch tief: wenn ich mich am Morgen im Spiegel sehe kann der Gedanke hochkommen: Da lacht dir also ein Mensch verschlafen entgegen, den Gott unendlich liebt. Die Termine im Kalender werden so plötzlich zur Möglichkeit, keinen Augenblick nur einfach vergehen zu lassen, sondern jeden als einzigartigen Moment meines einzigartigen Lebens zu gestalten. Und die "Betrachtung der Zeitung"? All diese schrecklichen Nachrichten, die zu lesen und zu hören sind? Die wird dann zur Möglichkeit, mich als Teil dieser großen Welt zu empfinden: Ich bin nicht allein auf diesem Planeten. Ich kann mich nicht einfach von dem absentieren, was sich außerhalb meiner Erfahrungswelt abspielt. Ich bin gerufen, mein Wissen um Gott, meinen Glauben in genau diese Welt einzubringen. Spiegel - Kalender und Zeitung: alltägliche Möglichkeiten um Gott in meinem Leben wirklich lebendig werden zu lassen.

Mittwoch, 18. März 2015
Die Burschen, mit denen ich im Internat des Bischöflichen Seminars in Graz unter einem Dach lebe, wachsen in einer ganz anderen Welt auf als ich. Heute gibt es Internet, es gibt Smartphones. Die Welt ist durch die modernen Kommunikationsmittel und die sozialen Netzwerke zu einem Dorf geworden. Das prägt ihr Denken, das prägt ihr Dasein. Ob es mir passt oder nicht: ich muss mich auf diese "neue" Welt einlassen. Denn nur dann wird es mir möglich diese jungen Leute zu verstehen.
„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe." hat es vor mehr als 30 Jahren der verstorbene Bischof von Aachen Klaus Hemmerle pointiert auf den Punkt gebracht. - Genau: ich bin nicht der, der als Erwachsener alles besser weiß, oder der den jungen Menschen Gott erst beizubringen hat. Nein: in genau dieser Welt, in der sie leben, ist Gott längst schon da. Und die Jugendlichen nehmen mich in ihrem Leben mit auf eine spannende Reise, auf der auch ich immer wieder neue Spuren von Gott entdecke.
Zitat Hemmerle: Hemmerle, Klaus: Was fängt die Jugend mit der Kirche an? Was fängt die Kirche mit der Jugend an?, in: Internationale Katholische Zeitschrift 12 (1983) 306-317, 309.

Donnerstag, 19. März 2015
Angeblich jammern wir Österreicher ja so gerne. Das gilt auch in der Kirche. Was nicht schon alles den Bach hinuntergegangen ist. - Oft übersehen wir dabei allerdings, dass so manches lediglich anders geworden ist. Beispiele gefällig? "Am Sonntag gehen immer weniger Menschen in die Kirche." Der Befund stimmt. Zweifellos. Angesichts all dessen, was es heute an Möglichkeiten gibt, den Sonntag-Vormittag zu verbringen, ist es eigentlich ein Wunder, dass nach wie vor so viele Menschen unsere Kirchen besuchen. Nicht mehr aus Tradition sondern ganz und gar freiwillig,  aus eigener Entscheidung. -
"Der Priestermangel ist so groß" sorgen sich viele. Tatsächlich: Es gibt immer weniger Priester. Vergessen wird beim Lamentieren darüber dann oft nur, dass die Zahl der Priester eigentlich noch nichts über die gelebte Gläubigkeit der Menschen aussagt. Die Zahl allein ist noch kein Qualitätskriterium. – Vielleicht sollte man einmal nur den Blickwinkel der Betrachtung etwas ändern. Plötzlich ergeben sich ganz neue, vielversprechende Möglichkeiten für die Zukunft.- Und fürs Jammern hat man dann gar keine Zeit mehr.
Vgl. ausführlich zu diesen Gedankengängen die verschiedenen Monographien von Christian Hennecke.

Freitag, 20. März 2015
Sie kennen sicher einige Helden des Alltags. Menschen, die nicht klein beigeben oder sich nach dem Wind drehen. Menschen, die sich hingebungsvoll aufopfern in der Pflege für andere, Menschen denen das Wohlergehen des Nächsten am Herzen liegt. Menschen, die sich engagieren. Solche Zeitgenossen bloß als "Gutmenschen" zu sehen trifft meines Erachtens nicht den Kern. Denn: eigentlich ist es uns Menschen in die Gene eingeschrieben miteinander und füreinander da zu sein. Schon, dass wir überhaupt existieren verdanken wir nicht uns selbst. - Wir sind berufen zu lieben. Weil wir dadurch uns selbst neu und vertieft kennenlernen.
Wenn ich den Anderen im Blick habe, dann heißt das ja nicht, dass ich zu kurz komme; wenn ich die Andere neben mir wahrnehme, dann merke ich: Mein persönliches Dasein ist weit mehr als das was Ich bin. Der Mensch neben mir bereichert es mit neuen Blickwinkeln, mit anderen Einsichten, mit vielleicht unbekannten Wegen ein Problem zu lösen. - Seiner Berufung als Mensch zu folgen, zu lieben und damit aus dem Bunker des eigenen Ich herauszutreten, lässt den Menschen reifen. Und damit beginnt das, was mit einem “Leben in Fülle” gemeint ist, erfahrbar zu werden.

Samstag, 21. März 2015
Wenn man "Pfarre" sagt, dann gehört da automatisch auch ein "Pfarrer" dazu. Aber damit wird das Verständnis von Kirche sehr eingeengt. Denn: wenn dann ein Pfarrer durch den Priestermangel gleich für mehrere Pfarren die Verantwortung trägt, ist er für keine mehr "ganz" da. - Ich begegne immer wieder Kollegen im priesterlichen Dienst, die den daraus erwachsenden Druck schwer aushalten. Sie fühlen sich zerrissen, zerteilt. - Es gibt aber eine Form des Teilens, die nicht zerreißt: wenn wir etwa unseren Glauben teilen, dann wird er mehr. Wenn wir nicht nur an unsere eigenen Bedürfnisse denken, sondern auch an die der neben uns, dann werden mein Blickfeld und mein Leben weiter und reicher. Das meint ja auch das Sprichwort: "Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude." Halten wir uns also nicht damit auf, jemanden oder etwas aufzuteilen, so, dass nur mehr Stückwerk überbleibt. Beginnen wir unser Leben zu teilen – gleich mit dem nächsten, der mir heute über den Weg rennt. Das wird uns beide reich machen.
Vgl. zum Gedankengang ausführlicher: Sander, Hans-Joachim: Pfarrverbände - den Pfarrer oder den Glauben teilen? In. HlD 1(2013) 43-49.



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